Kuso17 – Lauschen

Heute durften wir uns das hohe Lied der Liebe singen lassen beim Morgenimpuls vor dem Frühstück. Den Kurstag selbst begannen wir mit dem Eindenken in die Übersetzungstheorie von Novalis, der neben der grammatischen und verändernden auch die mythische Übersetzung kennt. Wir vernehmen sehr vielfältige und in ganz unterschiedliche Welten Einblicke gebende Ich-erinnere-mich-Reihungen. Danach der Switch zum heutigen Thema des Tages: Gegenstände übersetzen. Wir stimmen uns damit ein, dass wir in Mörikes Gedicht „Auf eine Lampe“ alle Substantive alliterativ austauschen, wodurch sehr verrückte Texte entstehen. Sophia Loths Erläuterungen zur Erinnerung beim Mittagsgespräch lassen mich aufhorchen, betont sie doch das gestern gehörte, dass jedes Erinnern ein Verändern ist. In ihren Landschaftsbildern gibt es einen Sound, sie hat sich mit einem Komponisten wechselseitig und synchron übersetzt, indem er die Geräusche, die ihr Malen erzeugt aufgezeichnet, weiterentwickelt, zurückgespielt hat.

Die Schreibzeit nach der Mittagspause nutze ich, um Morgenstern und Rilke neu erklingen zu lassen, indem ich versuche, meine Dinggedichte zu anderen Dingen, aber in derer beiden Form und Ton zu schreiben. Es schließt sich eine Textbesprechungsrunde an mitgebrachten Texten an. Ich lese mein Maigedicht vor, und obwohl ich nicht vorhatte, dieses Gedicht noch einmal zu überarbeiten, an detaillierter Textarbeit gar nicht recht interessiert war, machen mir die Gedanken und Ideen der Gruppe Lust, doch einmal ernsthaft an Texten zu arbeiten und doch zu versuchen, auch mal etwas fertig zu stellen. Material habe ich ja mittlerweile genug. Nach dem Abendessen schließt sich der Kreis sehr schön, denn Tanja Wawra stellt ihre Chorarbeit vor, lässt uns mitspielen, zeigt wie der Chor probt und wie sie vorgeht und singt mit allen gemeinsam „Guten Abend, gute Nacht“. Weiter angeregt und dabei auch entspannt werde ich die sicherlich haben.

Kuso17 – Erinnern

Ein langer Tag, zu lange wieder. Ich habe den Absprung nicht geschafft und mich im Garten noch festgequatscht. Spannende Gespräche, doch von denen kann es hier sehr viele geben. Am Nachmittag der Gedanke, es ist doch erst Montag. Es ist schon so viel passiert, dass es sich anfühlt wie mindestens die Mitte der Woche.

Übersetzungsthema der Lyrikklasse waren heute Erinnerungen. Erinnern, Aufschreiben, Nachdichten, also frühere Erfahrungen in einen heutigen Text übersetzen. Ein Thema, mit dem ich nicht recht gerechnet habe und das ich doch mit meiner Bewerbung schon vorweggenommen habe. Ein Gedicht hören und aus der Erinnerung niederschreiben. Aus einem Prosatext atmosphärisch ansprechende Worte picken, dazu assoziierend einen neuen Prosatext schreiben, diesen verdichten. Einem Muster folgend 34 Erinnerungsfetzen formulieren, diese ausdrucken, ausschneiden, auf dem Tisch ordnen, hin und her schieben, weglegen, sortieren, 20 auswählen und choreographieren. Dazwischen ein Mittagsgespräch mit den beiden Druckgrafikerinnen Liz Ingram und Daniela Schlüter, die Schicht für Schicht mit verschiedenen Drucktechniken und mehr ihre Werke schaffen. Sehr unterschiedliche Produkte der Arbeit, aber sehr ähnliche Vorgehensweisen, bei beiden mit Text. Vor allem bei Daniela Schlüter schimmert an vielen Stellen ihr Erinnern durch. Sie zeigt uns ein Bild, bei dem sie Texte eines ungarischen Lyrikers übersetzt hat. Inhaltlich kann ich das Vorgehen nachvollziehen und bin ich gerührt von Danielas tiefer Verbundenheit zu dem Lyriker, mit dessen Texten sie gearbeitet hat. Technisch kann ich mir so gar nicht vorstellen, wie diese Arbeit funktioniert. Am Abend dann die Werkstatt mit den Tänzerinnen und Tänzern. Einblicke in die Arbeit des Choreographen, Gedanken zu Korrespondenzen, aber nicht genauen Entsprechungen zwischen Tanz und Musik, ein wunderschönes Duett über eine fragile Beziehung. Neben allen dichte ich mein Tanka zu unserem Gruppengedicht, eine Art Stille-Post-Spiel, bei dem natürlich das Erinnern und Bilder eines Frühers bei mir hineinspielen. In der Summe ein sehr produktiver Tag. Wenn ich Zweifel hatte, ob ich wirklich ins Schreiben kommen kann, hiermit sind sie beseitigt. Keine fertigen, runden Texte, aber Ansätze, die mich interessieren und Lust daran weiter zu arbeiten. Und es ist ja erst Montag.

Kuso17 – Loslegen

Das Loslegen verzögert sich. Nach einer sehr schlafarmen, aber gedanken- und glockenreichen Nacht im ungewohnten Ambiente den Morgenimpuls verschlafen. Einzelne Bassklarinettentöne kommen von der Kirche her durchs geöffnete Fenster. Oder ist es ein Basssaxophon? Beim Frühstück lande ich plötzlich zwischen zwei Meistern, die als Meister erkannt werden wollen. Tut mir leid, ich bin übermüdet und kann damit nicht dienen. Mich erreicht die Nachricht einer Schießerei in einer Konstanzer Diskothek. Dass diese Nachricht nichts mit mir zu tun haben scheint, zeigt mir, wie weit ich gestern den Alltag hinter mir gelassen habe. Dann, endlich, der richtige Beginn in der Klasse. Wir legen mit Reden los. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, bei der sich eine spannende Klassenzusammensetzung zeigt, spielen wir „Original oder Übersetzung“ und argumentieren bei vielen Gedichten falsch. Abwechselnd wehen Einsingübungen des Chors und Instrumentalklänge der Jazzer in unseren Salon, ansonsten bleiben die anderen Künste an diesem ersten Tag außen vor. Die Komplexheit der Aufgabe „Lyrikübersetzung“ wird fassbar, das profunde literaturwissenschaftliche, mythologische, kulturgeschichtliche Wissen mancher Gruppenteilnehmer/innen schüchtert ein. Ich halte mich eher zurück, bin vom vielen Reden und Nachdenken angestrengt, merke aber, wie meine Schreiblust wächst und dass ich die anderen gerne poetisch kennenlernen möchte. Weiterlesen

Kuso17 – Ankommen

Die neue Tür zur Rezeption
die Wahl des Betts und des Waschbeckens
die Infomappe und der Willkommensbrief
W-LAN-Code
ein Nickerchen, eine heiße Dusche, ein Spaziergang
wasserspeiende Drachen, Zaunwicken und buntes Fischekarussell
Das Wiedersehen mit @FrauPaulchen
Abendessen, wie erwartet üppig,
erste neue, nicht immer erfreuliche Bekanntschaften
die sehr herzliche Begrüßung durch Uljana Wolf
Willkommensrede, Vernissage mit einem Glas Wein, danach
erste Runde am Wichtige-Herren-Tisch
Angekommen – und nun noch ein Bier zum Abschluss des Tages.

KuSo17 – Anreisen

Unterwegs im Zug. Die bayrische Bimmelbahn zwischen See und München versetzt mich bei der Fahrt durchs Allgäu in alte Zeiten zurück: der Einstieg so hoch, dass nur gesunde Junge ohne Gepäck einigermaßen gut hineinkommen, nicht-klimatisierte Abteile, bei denen sich dafür die Fenster noch öffnen lassen, schmutzige Toiletten, die alle Geschäfte auf die Gleise fallen lassen. Ich nehme mir vor, rechtzeitig vor meinem Halt zur Tür zu gehen, um die Mechanik der Türöffnung zu verstehen. Bevor der Zug den Bahnhof schon wieder verlässt. Auch der Blick aus dem Fenster wirkt mit braunen Kühen auf saftigen Wiesen wie idyllische Vergangenheit, die so idyllisch nie war, allein die Solarzellen auf den Dächern und der ein oder andere Windgenerator zeigen das 21. Jahrhundert an. Und auch an ausländisch aussehende Männer kontrollierende Polizisten in Zügen kann ich mich von früher nicht erinnern. Doch vielleicht war ich in meiner Kindheit und Jugend auch nur nicht auf den richtigen, respektive gefährlichen, Strecken unterwegs.

Nach Irsee bin ich zeitig unterwegs, der spärlichen Busverbindungen wegen. Das lässt mich hoffen, dass ich mich gemütlich einrichten und auch noch ein Nickerchen machen kann. Ich bin müde von den letzten Wochen, der Rücken verspannt und vor sich hin leidend, leichte Kopfschmerzen als ständiger Begleiter. Meine Woche soll dies trotzdem werden oder vielleicht auch gerade deshalb. Beim Gang durch den Zug halte ich Ausschau nach möglichen Kunstsommerteilnehmerinnen, aber ich stoße nur auf Frauen in rosa Kleidchen auf Jungesellinnenabschiedstour. Das chinesische oder vietnamesische oder ist auch egal von woher stammende Kleinkind bei mir im Abteil schläft unter einer weißen, dezent gepunkteten Baumwolldecke. Die Mutter tut es ihm gleich, der Vater schaut dösend aus dem Fenster. Ich packe den Laptop aus und beginne zu schreiben. Gestern habe ich den Desktop aufgeräumt, um Raum und Übersicht zu haben, einen Ordner angelegt, wo ich ablegen kann, was immer entsteht, und nachgelesen, was ich zur Bewerbung eingereicht hatte. Heute bin ich unterwegs. Neugierig will ich sein, interessiert, aktiv gestaltend. Doch vor allem versuche ich die Anreise zu nutzen, um alle hohen Ansprüche an mich und die Welt hinter mir zu lassen, um mir zu erlauben, sein zu lassen, was sein wird.