Getanzte Worte

Am Tag, an dem der erste große Frühlingsregenschauer niederging, lief eine Zicke, Schlüsselbein voraus, durchs matschige Gras. Bespaßt wollte sie werden, nach nackten Männern hielt sie Ausschau, doch außer einer Wiege mit Baby war nichts zu sehen. So ein Betrug, so fehlgeleitete Kraft. Doch die letzte Regel gilt immer: Der Siegelring ist auf dem Ball zu tragen.

Danke an B., die mir Wortmaterial für diesen Text lieferte.

Fluss ohne Brücke

Der Fluss bildet die natürliche Grenze zwischen gestern und Sommer. Am Wasser entlang dem Weg folgen, der am Eigentlichen vorbei geht. Grün werden die Gedanken beim Erwachen und Verspeisen der Schranken, die meine Lungen ausfüllen, während ich male. Die Musik der Elfengleichen erlaubt mir zu sitzen im Rat des Berges, von wo der samtene Reiter sich stählt. Im Arm des Kapierens liegen Steine des Anstoßes, die mir erlaubten zu treiben. Doch ich bleibe lockend und packe die Wurzeln, entreiße ihm Flügel, um das Säumen zu umgehen. Es ist eine Traube.
Der Fluss bildet die natürliche Grenze zwischen gestern und Sonntag. Sie humpelt taub, ertastet das Licht, will ins Süß zurück, das aus dem Tal entschwindet. Ein Mosaik der Verwirrung erstaunt das Getier, die Pflanzen schweigen betreten. Sie isst. Im Morgengrau der Kühle wollen Birnen erklingen; sie erstarren geblendet von ihr. Gewesene Grenzen erschlagen den Nebel, bis er amüsiert.
Aus seinem Rucksack fliegt dem Reiter das Leben, er bietet es feil und ihr Ich fasst durch. Wieder elf Töne verschlingen die fehlbaren Farben des Gefährten. Mich erschaudern die Grenzen; das Wasser verwest. Keine Brücke am Anfang, das Wort verstreicht. Zwischen Sommer und Sonntag nur sirrendes Grün.

Monologisierendes Notat

Sophie hat vor Kurzem das Buch „Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren“ von Hanns-Joseph Ortheil entdeckt und in ihrem Blog vorgestellt. Das hat mich erinnert, dass ich im Frühsommer ganz angeregt davon mit meinem Notizbuch durch die Stadt lief und schrieb, bevor andere Dinge meine Notierwut wieder in Vergessenheit geraten ließen. Jetzt ist es zwar kalt geworden, aber ich sollte mich mal wieder mit Stift und Heft auf den Weg machen – sind ja nicht alle Notat-Anregungen für draußen gedacht. Bevor ich aber durch die Nacht renne, hier ein Notat aus meinem Heft, angeregt von Kapitel 5, Notieren als Monologisieren, das den Notizen von Rolf-Dieter Brinkmann 1972/73 in Rom nachgeht.

16:07
Kaiserbrunnen, datiert auf 1897,
die Reisegruppe davor hat annähernd dasselbe Alter.
Seltsam hässliches Alles,
bis auf die Seehasen.
Ob die sich später dazugesellten?
Babylonisches Stimmengewirr.
Ein Junge, vielleicht neun,
verkauft mit Wasserfarben pastellig bemalte Steine.
Auch eine Verbindung von Ewigkeit und jetzt.
Warum der Gaul acht Beine hat,
habe ich all die Jahre nicht herausgefunden.

Übrigens: Mittlerweile habe ich das Rätsel um die acht Beine gelöst. Auf diesem Pferd ritt Friedrich II von Italien nach Konstanz und er musste schnell sein, schneller als Otto IV, der ihm den Thron streitig machen wollte. Da er es geschafft hat, gibt es nur eine Erklärung: Er hatte einen superschnellen Gaul mit acht Beinen.

Verspiegelt

Nun, wie erging es Ihnen letzte Woche?

Ja, wie soll ich sagen, es geht so, also, jetzt, wo es abends wieder so früh dunkel wird …

Ist Dunkelheit ein Problem?

Nein, nicht direkt, es ist nur so, meine Frau

Ihre Frau? Macht Sie Druck?

Nein. Es gibt immer noch keinen Spiegel in unserem Haus und ich helfe ihr morgens die Haare zu richten. So war ja die Absprache.

Was ist dann das Problem mit Ihrer Frau?

Nun, sie hat mich Einkaufen geschickt.

Verstehe. Ins Bekleidungsgeschäft?

Nein, nein. Sie bringt mir doch alles, was ich brauche: Hemden, Schuhe, Unterwäsche. Sie weiß ja, dass ich da nicht rein kann. Und ich muss mich sowieso darauf verlassen, dass das, was sie sagt, gut an mir aussieht, weil ich kanns ja nicht sehen und …

Wo hat sie Sie denn hingeschickt?

Nicht direkt geschickt, gebeten. Kartoffeln zu holen. Die waren aus und sie hatte es vergessen, welche zu kaufen.

Kartoffeln? Was ist das Problem mit Kartoffeln?

Kartoffeln sind kein Problem, die gehen gut. Sie sind knollig und dreckig, besonders die Bio.

Aber?

Es war halt schon so spät, schon nach 19:00 Uhr. Da hat nur noch der Edeka auf.

Bei Edeka gibts Spiegel?

Nein, zumindest nicht im Kundenbereich … Ich fange schon wieder an zu schwitzen.

Gut, dass Sie es spüren. Wo merken Sie es noch?

Ja, ich, mein Herz klopft schneller und die Hände sind feucht. Atmet laut. Und unter den Achseln – ich spüre, da sind Schweißflecken, die muss ich gar nicht sehen. Und jetzt fängt auch noch mein rechtes Auge an zu zucken.

Erinnern Sie sich an das Bild?

O.k., das Bild. Ich sehe es vor mir. Eine weiße Fläche, eine unebene weiße Fläche, eine Wand – atmet wieder ruhiger – es geht wieder.

Prima. Sie haben schon sehr gut gelernt, sich zu beruhigen. Da können wir bald das Desensibilisierungsprogramm starten. Kommen wir zurück zu Edeka.

Desensibilisierung? Ich geh abends nicht zu Edeka. Da sind lauter Schaufenster, überall, schon auf dem Weg!

Die weiße Wand, sehen Sie die weiße Wand? Gut. Atmen Sie noch einmal tief aus – und wieder aus. Die weiße Wand. – Nun treten Sie gedanklich aus Ihrer Wohnung. Es ist der 14. November, 19:10. Ihre Frau hat Sie gebeten, Kartoffeln zu kaufen. Sie mögen Kartoffeln, es ist Ihr Abendessen. Sie haben Hunger.

Der Sikomat stand schon bereit.

Der Sikomat steht bereit. Ihre Frau wartet auf Sie. Sie braucht Ihre Hilfe.

Ich gehe aus dem Haus. Ich grüße den Nachbarn. Ich gehe nach rechts, links ist eine Sackgasse. Ich ignoriere die parkenden Autos, schaue rechts unten die Häuserwand an. Alles geht gut. Ich biege um die Ecke. Noch eine Ecke.

Sehr gut, Herr Müller, sehr gut. Sie gehen um die zweite Ecke. Wo sind Sie jetzt?

Ich weiß nicht, ich muss mich orientieren. Ich, ich hebe den Blick, ich, da

Herr Müller? Herr Müller! Atmen! Ausatmen. Die Wand, sehen Sie die weiße Wand und ausatmen.

Ich … ich muss aufs Klo.

Ja, bitte, gehen Sie. Soll ich Sie begleiten?

Aufs Klo. Nicht hier. Niemals … ich … Bis nächste Woche.

 

(Ist frei erfunden, passt gerade aber trotzdem irgendwie hierher. Und ja, ich weiß: Ich hab mich rausgemogelt. Ideen, wie’s weitergeht oder wovor Herr Müller denn nun genau Angst hat und warum, sind willkommen.)

Schreibtreiben

Ohne Pause, Rast und Ruh, Hamster im Rad oder Känguruh im Sprung und ein Sprung folgt auf den andern; wir hüpfen und rennen und laufen und treiben. Und schreiben. Buchstaben folgen, verfolgen das Ziel, verfolgen sich selbst, wollen zu viel. Mit Wollen fängt die Hetze so richtig an, der Weg ist das Ziel, nun gut, und dann? Eile mit Weile, sagte man mir, und meistens gelingt mir das, abends beim Bier, doch tagsüber hör ich die große Trommel und stolpere vorwärts mit pochendem Herzen, hinein ins Gewimmel, hinein in den Stress, ich gebe das Beste, ich gebe den Rest; ich handle perfekt, laufe wie die Unruh, lasse Anspruch um Anspruch um Anspruch zu.
Ich schreibe Texte mit großen Themen
und lass mir das Hetzen von keinem wegnehmen.