Alles neu, macht

der Oktober. Beziehungsweise hat der September damit angefangen und erste Vorboten zeigten sich bereits im Juli. Manchmal gibt es Phasen im Leben, da muss umgestaltet, geordnet, sortiert, gelöscht, ausgetreten werden. Da muss Platz geschaffen werden für Neues, Anderes. Oder auch nur das Alte in neuen Gewändern. Wie auch immer … nachdem nun der gewohnte Blog ganz anders aussieht, bin ich gespannt, ob dies zu neuer Schreiblust führt.

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Neues SchreibtrainerInnen-Treffen am Bodensee

Letzte Woche fand das zweite Treffen des Arbeitskreis Schreibtraining und Schreibberatung am Bodensee statt. 13 Menschen aus dem sehr weit gedachten Bodenseeraum – bis Freiburg, Karlsruhe und Augsburg – trafen sich im wunderschönen Schloss Hersberg bei Immenstaad und tauschten sich fachlich aus. Leider konnte diesmal keine der KollegInnen aus Österreich und der Schweiz teilnehmen, doch wir freuen uns auf wieder internationale Besetzung beim nächsten Mal. Es bestätigte sich erneut, wie viel Fachkompetenz es zum immer noch etwas stiefmütterlich behandelten Thema Schreibtraining gibt und wie bereichernd der Austausch darüber für alle ist.

Wie schon beim ersten Treffen im letzten November war der Tag zu kurz. Wir starteten am Vormittag mit einem Barcamp, bei dem drei Gruppen zusammenfanden, die sich mit Akquisemöglichkeiten für Schreibangebote, Schreibkompetenzvermittlung an Hochschulen und Möglichkeiten von Textfeedback in Schreibgruppen auseinandersetzten. Am Nachmittag boten vier der TeilnehmerInnen Kurz-Workshops für die anderen an mit den Themen: Inspiration und Schreiballtag, Werbendes Schreiben, Social Media für Freie und Phantastik in Schreibgruppen. Dazu kamen natürlich noch all die informellen Gespräche bei einer Tasse Kaffee oder während des Mittagessens, die spannende Anregungen gaben. So fuhren alle bereichert mit wertvollen Impulsen und inspirierenden Begegnungen ins Wochenende, nicht ohne die Weichen für ein nächstes Treffen im November zu stellen.

Übrigens: Wir sind weiterhin offen, wenn KollegInnen dazustoßen und mitmachen wollen. Eine Mail an mich genügt, dann informiere ich genauer.

Das Schreiben der Anderen

Vom Potential des (kreativen) Schreibens bin ich überzeugt: Eine große Kraft liegt darin, vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. Beeindruckende, starke und stärkende Texte entstehen. Wo sonst kann man sich so unkompliziert und einfach ausdrücken, was sonst ist quasi überall und mit minimalem Einsatz möglich? Schreiben ist billig, ein Stückchen Papier und ein Bleistiftstummel finden sich überall. Schreiben verlangt kaum Vorkenntnisse, wer Buchstaben malen und Laute differenzieren kann, kann Wörter auf ein Papier bringen, also kreativ schreiben, wenn auch nicht alle von SchulanfängerInnen so geschriebenen Texte von anderen Personen auch vollständig gelesen werden können. Somit ist Schreiben für mich die demokratischste unter den Künsten.

Seit längerem beschäftigt mich die Idee, gerade mit den Menschen kreativ zu schreiben, an die man dabei nicht als erstes denkt. Ich möchte diejenigen die Ausdruckskraft von eigenen Texten erleben lassen, die von sich aus nicht sagen, dass sie schreiben wollen. Also überlege ich mir, wie Schreibwerkstätten für Deutschlernende, für Grundschulkinder, Menschen mit geistiger Behinderung oder funktionalem Analphabetismus ablaufen können, wie man mit Menschen mit Demenz, jugendlichen MigrantInnen oder Menschen, die sich so sehr sozial engagieren, dass für sie selbst nur wenig Raum bleibt, kreativ und/oder biografisch schreiben kann. Ich bin an der Stelle missionarisch veranlagt: Es muss nicht jedeR schreiben, aber ich möchte zeigen, wie toll es ist, und hoffe, damit zu überzeugen.

Drei Räume, wo Menschen schreiben, denen es kaum zugetraut wird:

Der Ohrenkuss ist ein Magazin, das Menschen mit Down-Syndrom machen. Es erscheint seit 1998 zweimal im Jahr, jeweils zu einem bestimmten Thema. Alle Beiträge werden so abgedruckt, wie sie von den AutorInnen eingereicht werden. Die Ausgabe No 19 vom Oktober 2007 handelte vom Schreiben. Michaela König schrieb hier: „Das tat mir richtig gut das ich alles niederschreiben konnte, ich fühlte mich freier. Ich fühlte mich einfach richtig gut, als ich mit dem schreiben anfing.“ Dazu sieht der Ohrenkuss im A4-Querformat und mit sprechenden Fotos richtig gut aus.

Ein ähnliches Anliegen verfolgt der Verein Die Wortfinder. Die Selbstbeschreibung lautet: „Kreatives Schreiben & Literatur von besonderen Menschen und Menschen in besonderen Lebenslagen“, es geht darum, kreatives Schreiben bei Menschen mit „geistigen und/oder psychischen Beeinträchtigungen“ auf verschiedene Weise zu fördern. Letztes Jahr gab es einen ersten Literaturwettbewerb des Vereins zum Thema Die Zeit und der Kalender, der dabei entstandene Wochenkalender mit den Siegertexten ist mittlerweile vergriffen.

Das Pendant in Österreich dazu ist der Ohrenschmaus. Dieser Literaturpreis „soll helfen, neue Schriftsteller-Talente zu entdecken, dort wo man sie am Wenigsten erwartet“, nämlich unter Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die Siegertexte, z.B. Ascheimer von Reinhard Schmidt in der Kategorie Prosa, zeigen, dass die Latte nicht zu hoch gelegt ist.

Es ist also nicht nur möglich, das Schreiben „der Anderen“, es lohnt sich, für die Lesenden und die Schreibenden, es entstehen spannende, unterhaltende, anregende, lustige, …, lesenswerte Texte. Ich bleibe dran.

Tagebücher im Internet

Durch Helen bin ich auf Internet-Tagebücher aufmerksam geworden, die man über Tagebuch-Communitys führen kann. Ein Blog wie dieser ist auch eine Art Tagebuch, aber für mich doch etwas ganz anderes – weniger privat, weniger gefühlig, mehr themenorientiert. Wieso und wozu meine privatesten Notizen öffentlich machen, denke ich mir, und klicke mich durch ein paar der virtuellen Gemeinschaften.

Wie privat ist so ein Online-Tagebuch wirklich? Was macht es mit mir als Schreibender, wenn ich weiß, dass ich öffentlich schreibe, auch wenn ich mich hinter einem Nickname verberge oder zu verbergen meine? Und wer erhält hier welche Informations-Puzzleteile über mich und kann sie wozu nutzen?

Manche Tagebuch-Gemeinschaft scheint tatsächlich eher die Privatheit zu betonen, die meisten Einträge sind nicht öffentlich. Hier geht es wohl darum, sich als Tagebuch-Schreibende nicht allein, sondern als Teil einer Gruppe zu fühlen. Oder die Software zum Eintragen, Ordnen und Archivieren ist besonders geschickt – das ließe sich nur durch Ausprobieren erfahren. Je nachdem wer alles am selben Computer arbeitet, auf dem man tippt und speichert, oder wie privat die Schubladen im eigenen Zimmer sind, ist so ein Tagebuch vielleicht sogar geheimer als ein anderes?
Bei anderen Online-Anbietern steht das Lesen und Kommentieren anderer Beiträge im Vordergrund – eine Plattform wirbt sogar damit, dass hier endlich einmal hinter die Schlösser der Tagebücher geblickt werden kann. Die natürliche Neugier mitzubekommen, was andere so denken, schreiben und tun, kenne ich, richtig spannend ist das Stöbern in den Tagebuchaufzeichnungen fremder Menschen nicht. Wenn ich hier schreiben würde, hätte ich die Chance, dass mir jemand durch einen Kommentar weiterhilft, könnte ich vielleicht erfahren, dass ich mit meinen Gefühlen nicht allein bin. Ist es ein Bedürfnis nach Anteilnahme, nach Gehörtwerden das hier befriedigt wird? Und wenn es das ist, wird es wirklich befriedigt?

Zu Tagebuch-Communitys und Online-Tagebüchern stellen sich mir viele Fragen. Wenn ich Tagebuch denke, geht es mir um Aufzeichnungen für mich allein – persönlich, privat, intim. Ich werde wohl keinen Selbsttest in einer Tagebuch-Community machen. Vielleicht aber ist ein Blog oder eine private Homepage doch nichts anderes, nur anders benannt? Offensichtlich haben Angebote, mit denen man einfach die eigenen Gedanken veröffentlichen kann, Ihren Reiz.