Neues SchreibtrainerInnen-Treffen am Bodensee

Letzte Woche fand das zweite Treffen des Arbeitskreis Schreibtraining und Schreibberatung am Bodensee statt. 13 Menschen aus dem sehr weit gedachten Bodenseeraum – bis Freiburg, Karlsruhe und Augsburg – trafen sich im wunderschönen Schloss Hersberg bei Immenstaad und tauschten sich fachlich aus. Leider konnte diesmal keine der KollegInnen aus Österreich und der Schweiz teilnehmen, doch wir freuen uns auf wieder internationale Besetzung beim nächsten Mal. Es bestätigte sich erneut, wie viel Fachkompetenz es zum immer noch etwas stiefmütterlich behandelten Thema Schreibtraining gibt und wie bereichernd der Austausch darüber für alle ist.

Wie schon beim ersten Treffen im letzten November war der Tag zu kurz. Wir starteten am Vormittag mit einem Barcamp, bei dem drei Gruppen zusammenfanden, die sich mit Akquisemöglichkeiten für Schreibangebote, Schreibkompetenzvermittlung an Hochschulen und Möglichkeiten von Textfeedback in Schreibgruppen auseinandersetzten. Am Nachmittag boten vier der TeilnehmerInnen Kurz-Workshops für die anderen an mit den Themen: Inspiration und Schreiballtag, Werbendes Schreiben, Social Media für Freie und Phantastik in Schreibgruppen. Dazu kamen natürlich noch all die informellen Gespräche bei einer Tasse Kaffee oder während des Mittagessens, die spannende Anregungen gaben. So fuhren alle bereichert mit wertvollen Impulsen und inspirierenden Begegnungen ins Wochenende, nicht ohne die Weichen für ein nächstes Treffen im November zu stellen.

Übrigens: Wir sind weiterhin offen, wenn KollegInnen dazustoßen und mitmachen wollen. Eine Mail an mich genügt, dann informiere ich genauer.

Write or Die – schneller Texte schreiben

Freewriting, Rohtexten, „Don’t get it right, get it written“ – viele Tipps zum Schreiben beruhen darauf, zunächst einmal Text zu produzieren, ohne Rücksicht auf Verluste, und danach zu sehen, was daran schon gelungen ist und wie es überarbeitet, verbessert und ergänzt werden kann. Die Software Write or Die soll dabei helfen.

Die Grundidee leitet sich aus der Lerntheorie ab: Langfristige, vage Belohnungen sind weniger hilfreich bei der Verhaltenssteuerung als kurzfristige, konkrete Bestrafungen. Will heißen: Wenn ich schreiben will, aber vorm Computer sitze und grüble statt zu tippen, passiert nichts schlimmes, außer dass ich halt hinterher ein blödes Gefühl habe, kein Text entsteht oder ich bei Texten, die ich zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeben muss, später irgendwann unter Druck komme. So kennt wahrscheinlich jeder, der schreibt, die Situation nicht wirklich voranzukommen.

Bei Write or Die helfen negative Konsequenzen, im Schreibfluss zu bleiben. Es gibt das Programm als kostenlose Online-Version, die ich ausprobiert habe, sowie mit zusätzlichen Features als Download für den Desktop und als App für das iPad. So gehts:
Zuerst legt man die eigenen Schreibziele fest: X Wörter in Y Minuten. Daneben kann die Härte der Konsequenzen und die Dauer der Gnadenfrist in drei Stufen gewählt werden. Nach Ablauf der Frist – ein, zwei bis ungefähr zehn Sekunden – wird zunächst der Hintergrund von weiß über rosa knallrot. Danach stehen zur Wahl 1. eine freundliche Erinnerung weiter zu schreiben, 2. schlimme Musik, die erst endet, wenn man weiter tippt, oder 3. die Kamikaze-Version, dass sich der Text von hinten nach vorne selbst wieder löscht. Das wirkt.

Im Selbsttest merke ich, wie ich hektisch werde. Bloß nicht zurückschauen, weiter tippen, was immer kommt! An sich, das bemerke ich später, muss ich nicht hektisch in die Tasten hauen, es reicht beständig am Schreiben dran zu bleiben. Sogar das automatische Löschen von Tippfehlern ist kein Problem, Hauptsache der Schreibfluss versiegt nicht.
Auch wenn ich ruhiger schreibe, beschleunigt sich mein Schreiben. Das Runterzählen der Zeit und Hochzählen der Wörter wirkt jenseits der Konsequenzen motivierend. Und vor allem unkonzentriertes Abschweifen der Gedanken, bei dem die Finger das Schreiben aufhören, oder Ablenkung – nachlesen, nachschlagen, E-Mails überprüfen, Tee kochen – wird vermieden. Write or Die gesteht mir eine Pause zu, während der die Zeitzählung stoppt, danach läuft es einfach weiter. So kann es helfen, kurze (10 – 15 Minuten), aber intensive Schreibeinheiten zu gestalten. Dann werde ich von dem Programm sogar belohnt: 319 Wörter in 10 Minuten. Ich bin stolz auf mich und habe Lust, gleich weiter zu schreiben.

 

Schreibtagebücher begleiten Schreibprojekte

Wer sein Schreiben und Tun in einem Journal oder Schreibtagebuch reflektiert, bringt die eigenen (Schreib-)Projekte voran. Dies wird in manchem Ratgeber und von vielen Schreiblehrern warm empfohlen, Lucia macht es mit ihrem Blog öffentlich vor. Besonders nahegelegt wird das Führen eines solchen Journals Studierenden begleitend zu einer wissenschaftlichen Arbeit, zu einem Praktikum oder zu einem besonderen Studienabschnitt. Doch es ist dazu geeignet, (längere) Schreibprojekte aller Art zu unterstützen bzw. die eigene Schreibentwicklung allgemein zu dokumentieren und voranzubringen.

Ein Journal ist ein persönlicher Text, der hilft, das eigene Projekt erfolgreich abzuschließen, und aus dem sich auch für weitere Projekte lernen lässt. Ein zentraler Punkt dabei ist, dass die Aufzeichnungen nur für die eigenen Augen bestimmt sind. Das gibt Raum, den eigenen Zugang zum Thema zu finden sowie mit seiner eigenen Sprache und ohne Rücksicht auf Konventionen und Erwartungen von anderen zu schreiben, was über dieses konkrete Projekt hinaus die Entwicklung der eigenen Schreibstimme fördert.
Ein zweiter wichtiger Punkt, der für das Führen eines Schreibjournals spricht: Von Anfang an, gleich wenn die ersten vagen Ideen zum Thema auftauchen oder ein Schreibauftrag sich abzeichnet, beginnt man mit dem Schreiben. So gehen keine Ideen verloren, man gönnt sich sogar die Möglichkeit, beim Schreiben den Text zu entwickeln und auf gute Gedanken zu kommen. Außerdem hat man direkt die Anfangshürde überwunden und ist schon im Schreiben drin, wenn es mit dem Text richtig losgeht.

Möglichkeiten, was in ein Schreibjournal aufgenommen wird, gibt es viele. Dies lädt ein zu experimentieren, was einem selbst bei seinen Schreibprojekten am meisten weiterhilft. Neben inhaltlichen Teilen wie Freewritings zu verschiedenen Aspekten des Themas, Materialsammlungen, Literaturhinweisen und Zitaten, Alltagsbeobachtungen, die das geschriebene veranschaulichen können, und vielem mehr, halte ich das Schreiben über das Schreiben für besonders wertvoll. Wie ist mein Zeitplan und halte ich ihn durch? Welche Gefühle begleiten mein Schreibprojekt? Welche Schwierigkeiten treten beim Schreiben auf und welche Ideen habe ich, damit umzugehen? Zu solchen und ähnlichen Fragen lassen sich Freewritings oder Cluster erschreiben, Tabellen anlegen, Listen sammeln, Dialoge oder Briefe formulieren und vieles mehr.

Um das Potential eines Schreibjournals komplett zu nutzen, bietet es sich an, regelmäßig zwischendurch und nach Abschluss des Schreibprojekts die Aufzeichnungen durchzusehen, auszuwerten und Quintessenzen zu formulieren. Das können inhaltliche Kernsätze sein oder Ideen, die das Weiterarbeiten betreffen. Der Bremer Schreibcoach empfiehlt z.B., sich selbst prägnante Aufforderungen zu formulieren, die das zukünftige Schreiben verbessern oder erleichtern. Lucia, die sicherlich nur einen Teil ihres Schreibjournals öffentlich führt, hat am Rand der Schreibtischwelten eine Spalte eingeführt, in der sie zu jeder Woche am Ende ein Motto benennt. So hat sie selbst den Überblick und auch andere können von ihren Erfahrungen und Erkenntnissen lernen.

Klöppeln, malen, reimen – das Kreative Schreiben

Kreatives Schreiben hat ja manchmal den Ruf, ein Kaffeeklatschtreffen für frustrierte oder gelangweilte Hausfrauen zu sein, ein Volkshochschulkurs neben Klöppeln für Fortgeschrittene, Italienisch für die Reise oder Bauernmalerei leicht gemacht. Ja, so ist Kreatives Schreiben. Es ist ein wundervolles Hobby, das von mehr Frauen als Männern ausgeübt wird, es ist geselliges Zusammensein, Spiel, Kreativität und Phantasie. Es kann lustiges Reihumreimen sein, Wörter aus Zeitschriften ausschneiden und zusammenkleben oder aus vorgegebenen Stichwörtern absurde Geschichten basteln. Oft findet es in der Gruppe statt, Schreibwerkstatt genannt. Kreatives Schreiben hat viel mit Freude am Tun zu tun, heißt Schreibprozesse anstoßen, laufen lassen und sich vom Ergebnis überraschen lassen. Das ist gut.

Aber Kreatives Schreiben ist gleichzeitig noch viel mehr, kann mehr sein, wenn Schreib-werkstätten von Menschen geleitet werden, die wissen, was sie tun und warum, wenn diejenigen, die kreativ schreiben, eben mehr wollen als nett  mit Gleichgesinnten beisammen sein(was allein jedoch durchaus seinen Wert hat). Was alles Kreatives Schreiben ist und sein kann, sehe ich zur Zeit besonders deutlich, wenn ich die Textmappen und dazugehörenden Reflexionen der Studierenden lese, die im vergangenen Semester an meinem Kurs an der Uni Konstanz teilgenommen haben. Teils in deren Worten (als anonymisierte Zitate), teils in meinen Worten ist Kreatives Schreiben:

  • Ein Experiment mit Worten, mit Sprache und mit Texten. Das unterschiedliche Herangehen an die Texte kann als Teil des Experiments angesehen werden.
  • Langsam entstehen tintenblaue Worte vor mir auf dem Papier, als würden stumme Töne die weiße Stille verdrängen.
  • Die Motivation für die Texte rührt aus den verschiedensten Winkeln der Seele.
  • Puzzelt man verschiedene Erfahrungsschnipsel zusammen, wird daraus etwas aufregend Neues.
  • Es tut mehr als gut, mal beim Schreiben nicht gezwungen nachdenken zu müssen.
  • Bei kaum einer anderen Tätigkeit macht man sich über so viele (sinnlose?) Sachen ernsthaft Gedanken.
  • Das Schreiben zeigt mir selbst immer in gewisser Weise einen Teil meiner Seele und meiner Ängste, wie ich sie ohne das Schreiben nicht erkennen würde.
  • Und ganz nebenbei lernen die Leser mich durch meine Texte irgendwie besser kennen.
  • Ein Kurs im Kreativen Schreiben setzt Kreativität frei, die später, wie auch immer, genutzt werden kann.
  • Wenn ich schreibe, bin ich nicht mehr ich selbst. Eine Welt, die mir zuvor fremd schien, offenbart sich als ganz natürlich und normal. Nichts scheint unmöglich oder verboten, die Gedanken und die Hand sind frei.
  • Kreatives Schreiben übt den Vorgang, das, was im Kopf ist, aufs Papier, in Linienform zu bringen. Immer mehr entwickelt sich eine eigene Stimme, die auch bei anderem (nicht-kreativen?) Schreiben zum Tragen kommt.
  • Warum konnte ich jetzt auf einmal wieder schreiben, als wäre nie etwas gewesen?

Kreatives Schreiben hat viel mit Ausdruck, mit persönlicher Weiterentwicklung, mit größer werdender Schreibkompetenz im Allgemeinen zu tun. Kreatives Schreiben in der Gruppe führt zu intensiven Begegnungen, übt das Wechseln zwischen Autoren- und Leserperspektive, steigert das Sprachgefühl und ist ein Erfahrungsraum für Textfeedback geben und nehmen, es fördert das Gehörtwerden. Beim Kreativen Schreiben steht – in meiner Sicht – der Prozess des Schreibens im Vordergrund. Nichtsdestotrotz entstehen Texte, um die es schade wäre, wenn sie nicht geschrieben worden wären. Deshalb lohnt es sich sehr, auch für Nicht-Hausfrauen, auch für Menschen, die das Schreiben nicht in irgendeiner Weise zu ihrem Beruf machen wollen. Dazu kommt, dass es Spaß macht.

Kreatives Schreiben ist eine Beschäftigung, die an vielen Orten, in vielen Zusammenhängen, mit verschiedenen Beweggründen ausgeführt werden kann. Es ist etwas zutiefst Menschliches. Ich will darauf nicht mehr verzichten. Und Sie?

Mit Karteikarten ins Schreiben kommen und Struktur finden

Ein größeres Schreibprojekt liegt vor Ihnen, Sie haben sich schon viele Gedanken gemacht, dazu gelesen, das Thema konkretisiert und gegebenenfalls abgesprochen. Nun gilt es richtig anzufangen: Je nach Schreibtyp werden Sie eine mehr oder weniger detaillierte Gliederung Ihres Textes erarbeiten oder mit dem Schreiben des Rohtextes beginnen. Beides kann schwer fallen. Sie haben so viele Gedanken und Ideen, dass Sie nicht wissen, wie und wo beginnen.

Bevor Sie die Fenster putzen oder stundenlang an der Formatvorlage für den Text feilen, probieren Sie doch einmal die Karteikarten-Methode. Die hilft, die dreidimensionalen Gedanken in Ihrem runden Kopf in die lineare Form eines Textes zu bringen, den passenden Textaufbau zu finden. Sie lässt Sie ins Thema und ins Schreiben kommen. Vor allem hören Sie auf, nur über Ihr Schreibprojekt und Ihren Text nachzudenken, stattdessen handeln Sie. Sie brauchen dafür einen Stapel Karteikarten, Notizzettelchen oder auch Post-its, gerne in verschiedenen Farben, und einen Stift. Denn diese Methode funktioniert am allerbesten von Hand.

Jetzt schreiben Sie jeden Gedanken, den Sie zu Ihrem Schreibthema haben, auf eine Karte. Als Stichwort, als Frage, als Satz bzw. Halbsatz oder als Überschrift. So wie es Ihnen kommt. Gehen Sie ganz intuitiv vor, lassen Sie sich von Karte zu Karte treiben. Entlasten Sie sich von dem Anspruch, gleich logisch und strukturiert sein zu müssen; die Struktur, die in Ihnen zu Ihrem Thema schon vorhanden ist, wird sich von allein zeigen, der Rest darf sich entwickeln.

Wenn der Schreib- und Ideenfluss versiegt, ist Zeit, das Ergebnis anzusehen. Dazu brauchen Sie viel Platz: einen leeren Tisch, eine Fläche auf dem Fußboden, eine Pinnwand, zu der auch Schrankwandtüren oder eine große Fensterfläche werden können. Legen Sie die Karten aus, schieben Sie sie hin und her, ordnen Sie sie und lassen sie sich von allein ordnen. Ergänzen Sie Karten, wenn Ihnen weitere Stichworte oder Unterpunkte einfallen. Arbeiten Sie dabei ruhig im Stehen und schaffen Sie sich Übersicht.

Bisher haben Sie zehn bis fünfzehn Minuten investiert. Sie haben mit dem Schreiben begonnen und dabei mindestens den Anfang einer Textstruktur gefunden. Danach können Sie aus der Karteikartenstruktur, die vor Ihnen liegt, eine Gliederung machen, die Sie in Ihr Computerdokument übertragen. Oder Sie können sich ein Häufchen Karten aussuchen, zu dem Sie einen Rohtext schreiben.

Praktisch ist es, wenn Sie Ihre Karteikarten-Anordnung so lange liegen oder hängen lassen können, bis der Rohtext fertig ist. Dann können Sie Ihre Gliederung immer weiter verfeinern und leicht umsortieren, wenn sich beim Schreiben herausstellt, dass etwas nicht so funktioniert wie gedacht. Und wenn Sie dabei mit Post-its an den Fenstern arbeiten, sieht Ihr Büro von außen vielleicht bald aus wie auf diesen Bildern.