Schreib-Kicks (nicht nur?) für Kinder

Auf verschlungenen Wegen kam ich heute nach Kidsville, der „Mitmachstadt für Kinder im Internet“. Hier gibt es das Atelier Schreibspaß, bei dem Kinder selbst geschriebene Geschichten und Gedichte hochladen und die von anderen Kindern kommentieren können. Doch damit nicht genug: Der Schreibkurs gibt die wichtigsten Tipps zum Schreiben, von Notizbüchern über Figurenentwicklung und Dialoge bis hin zum Lesen. Man kann durch „Lücken bestücken“ vom Computer eine Geschichte schreiben lassen oder Quatscherklärungen zu Fußballbegriffen einsenden bzw. lesen.
Was für Kinder gut ist, kann für Erwachsene nicht schlecht sein. Natürlich will ich nicht dazu aufrufen zu versuchen, die Kinderseiten mit Erwachsenentexten zu unterwandern. Aber warum nicht morgens, so lange alle Kinder in der Schule sind, oder nachts, wenn sie schlafen, mit dem Tipp-Trainer selbst das 10-Finger-System üben? Und gute Ideen zum Schreiben finden auch Erwachsene bei den „Schreib-Kicks„. Nach dem Zufallsprinzip spuckt der Schreib-Kick Automat wahlweise Ideen für Geschichten oder Gedichte, Anfangssätze, Wörter, Schreibspiele oder Übungen aus. Vielleicht auch für mich eine Anregung, mal wieder etwas zu schreiben.

Drei Minuten für 26 Ideen

Klare Vorgaben, Regeln und Zeitdruck ermöglichen Kreativität. Jeder kennt es: Will ich irgendwann einmal in meinem Leben einen Roman schreiben, beginne ich wahrscheinlich nie damit – außer ich erfahre, ich habe nur noch X Wochen zu leben? Muss aber in zwei Stunden das Papier mit meinen Vorschlägen zur Projektgestaltung abgegeben werden, das über eine eventuelle Bonuszahlung für dieses Jahr mitentscheidet, fließen die Worte nur so. Klare, wenn auch vielleicht unsinnige Regeln helfen dabei, die Ideen erst einmal unzensiert aufzuschreiben. Denn der innere Kritiker oder Zensor ist damit beschäftigt, die Einhaltung der Regeln zu überwachen, und kann deshalb nicht bei jeder Idee sein vernichtendes Urteil abgeben.
Eine Möglichkeit schnell viele Ideen oder Gedanken zu sammeln, ist es, ein ABCdarium zu schreiben: Zu jedem Buchstaben des Alphabets wird ein Wort oder Satz gesucht, der damit beginnt. Solche ABCdarien können Schreibideen liefern, Vorwissen oder Vorurteile bewusst machen, Lösungen für Probleme anbieten oder zu einem Listengedicht werden. Um den Zeitfaktor mit einzubauen, kann man sich den Wecker auf drei Minuten stellen oder mit jemand anderem um die Wette schreiben oder auch jedes Mal die Zeit stoppen, wie lange man braucht, um seine persönliche Bestzeit immer wieder zu übertreffen (nach spätestens 10 Minuten würde ich jedoch auf jeden Fall aufhören).
Kommen in drei Minuten zwanzig bis sechsundzwanzig Ideen zusammen und ist eine einzige dabei, die so gut ist, dass sie weiter verwendet werden kann, ist die Produktivität dieser Methode schon besser als sie normalerweise so ist. Und wenn alles nichts hilft, kann man immer noch ein Schimpfwörter-ABCdarium schreiben.

Heute schon geschrieben?

Wer schreiben will, muss schreiben. Immer wieder, immer öfter, egal was. Wer nicht schreiben will, sondern muss, darf schreiben: Tag für Tag. Schreiben Sie bei jeder sich bietenden und jeder sich nicht bietenden Gelegenheit. Schreiben Sie am Computer und mit dem Stift auf Papier, langes und kurzes, einzelne Wörter und zusammenhängende Sätze, offizielles und höchst persönliches. Schreiben Sie in Linien oder spiralförmig, morgens, mittags oder abends. Erlauben Sie sich, schreibend herauszufinden, was Sie denken, Fragen schreibend zu beantworten, von denen Sie nicht wussten, dass sie sich stellen.

Kennen Sie Freewriting? Probieren Sie es aus:

Nehmen Sie ein Blatt Papier und den nächstliegenden Stift. Stellen Sie den Wecker Ihres Handys auf 7 Minuten. Legen Sie los: Schreiben Sie auf, was immer Ihnen in den Sinn kommt, schreiben Sie es direkt aufs Papier, heben Sie den Stift nicht ab. Lassen Sie Buchstaben aufs Papier fließen und denken Sie nicht darüber nach, ob Ihre Rechtschreibung korrekt ist oder ob Ihre Gedanken sinnvoll sind. Vielleicht lassen Sie alle Satzzeichen weg oder schreiben Sie alle Wörter klein, um sich von solchen Lappalien nicht von Wichtigem ablenken zu lassen. Wenn Ihnen nichts einfällt, schreiben Sie genau dies hin: Mir fällt nichts ein. Oder wiederholen Sie so lange das letzte Wort, bis Ihre Hand etwas Neues schreibt. Komme, was da wolle, Sie bewegen den Stift übers Papier, bis der Wecker klingelt. Dann machen Sie einen Punkt.

Danach können Sie entscheiden, ob Sie Ihren Text gleich nochmals durchlesen, ihn für ein anderes Mal zur Seite legen oder direkt schreddern. Machen Sie es so, wie Sie selbst es für richtig halten, sorgen Sie aber dafür, dass kein anderer Mensch diesen Text zu Gesicht bekommt. Wenn Sie bei diesem Freewriting eine Idee für einen Text bekommen haben, den Sie schreiben müssen oder wollen, legen Sie am besten sofort damit los. Und wenn Sie mit dieser Übung überhaupt nichts anfangen konnten, investieren Sie doch morgen oder übermorgen nochmals 7 Minuten, bevor Sie abschließend feststellen, dass das nichts für Sie ist.

Ein 7-Minuten-Freewriting bietet sich an, wenn Sie neue Ideen entwickeln wollen, wenn Sie etwas für sich klären wollen, wenn Sie ganz unverkrampft ins Schreiben oder vom Denken ins Handeln kommen wollen, wenn Sie Schreibfluss erleben wollen, wenn Sie ganz nebenbei Ihre Formulierungskünste vergrößern wollen … Statt 7 Minuten können auch 5 oder 10 Minuten eingestellt werden, von einer Schreibzeit von mehr als 20 Minuten wird jedoch abgeraten.

Schreiben bei jeder Gelegenheit muss nicht zwangsläufig ein Freewriting sein. Weitere Ideen dazu in Kürze.